Der harte Klinikalltag

Der harte, belastende Klinikalltag

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Es ist 5:30 Uhr morgens an einem Donnerstag, an dem mein Diensttelefon klingelt. Es ist wieder unsere Notaufnahme. Es ist unsere Notaufnahme, ich soll heute Abend den siebten Patienten aufnehmen. Diesmal ist es ein Mann mit einem Herzleiden. Ich gebe mein Okay, nenne die Station, auf die er kommen und aus meinem Bett steigen kann.

Ich bin im Bereitschaftsdienst. Das bedeutet, dass ich nach meinem regulären Arbeitstag als Stationsarzt für Innere Medizin an einem deutschen Universitätsklinikum bis zum nächsten Morgen in der Klinik bleiben werde. Über Nacht betreue ich mehrere normale Stationen mit über 100 Patienten parallel, nehme Neuankömmlinge aus der Notaufnahme und Transfers von der Intensivstation entgegen.

Bereitschaftsdienst – das bedeutet rechtlich, dass ich nur für einen Teil der Arbeitszeit bezahlt werde. Der Rest der Zeit ist theoretisch Ruhezeit, und ich darf schlafen. In der Praxis habe ich bereits sechs Patienten aus der Notaufnahme aufgenommen und eine Stunde geschlafen.

Kurzatmigkeit, Angst, Wasser überall.

Ich gehe auf die Station und empfange den neuen Patienten zusammen mit der Nachtschwester. “Sonst stabil”, sagten sie in der Notaufnahme. Vor mir liegt ein alter Mann, er kann kaum atmen, hat Angst. Ich versuche, ihn zu beruhigen, lausche seinen Lungen und schaue auf seine Beine. Überall Wasserspeicherung. Die Lunge sprudelt. Im Überweisungsschreiben der Notaufnahme steht, dass es der Lunge gut geht. Wurde überhaupt gelauscht?

Ich gebe dem Mann Medikamente gegen die Wasseransammlung in der Lunge. Plötzlich steigt sein Blutdruck und damit auch seine Herzfrequenz stark an. Ich nenne unsere Messstelle den sogenannten IMC (Inter-Mediate-Care). Dort gibt es kein Bett. Wenn es nach einer halben Stunde nicht besser wird, rufe ich den IMC-Arzt um Hilfe. Er hat vier Jahre mehr Erfahrung, ich habe mein Studium erst vor einem Jahr abgeschlossen. Er hilft mir, den Patienten mit Medikamenten weiter zu stabilisieren.

Inzwischen ist es 6.30 Uhr. Es lohnt sich jetzt nicht mehr zu schlafen. Ich gehe auf meine Station, wo es 30 Patienten gibt, die ich tagsüber zusammen mit einem Kollegen, der auch Anfänger ist, betreue. Heute muss er es alleine schaffen, denn ich gehe nach meiner 24-Stunden-Schicht nach Hause. Es gibt keinen Ersatz, überall Personalmangel.

Wenn wir einen Fehler machen, decken wir uns gegenseitig.

Erschöpft schreibe ich zwei weitere Entlassungsschreiben für Patienten. Als mein Kollege ankommt, erzähle ich ihm von der Nacht. Dann gehe ich auf die anderen Stationen. A., eine Kollegin, ist bereits dort. Wir haben uns mit der Zeit angefreundet, denn wenn man zehn bis zwölf Stunden am Tag hier ist, braucht man hier Freunde. “Du siehst schrecklich aus”, sagt sie. Als ich ins Krankenhaus eingeliefert wurde, war ich ziemlich müde, nicht wahr? Ich frage warum und schaue mir den Medikamentenplan an. Verdammt noch mal. Ich habe zwei Medikamente bestellt, die du nicht zusammen verschreiben kannst.

Annabel korrigiert den Fehler und lächelt. Niemand wird davon erfahren, wir decken uns gegenseitig ab. Was können wir sonst noch tun?

Nachdem ich alle Übergaben abgeschlossen habe, gehe ich nach Hause. Ich schlafe vier Stunden lang, dann öffne ich mein Fachbuch. Mein Oberarzt sagte kürzlich, dass ich in der Lage sein müsse, viele Dinge besser zu machen. Am Nachmittag hole ich meine kleine Tochter aus dem Kindergarten und meinen sechsjährigen Sohn aus der Schule ab, spiele mit ihnen, mache Abendessen, lege sie ins Bett.

Keine Zeit für ein nettes Wort für die Patienten.

Am nächsten Morgen bringe ich die Kinder zurück in den Kindergarten und in die Schule. Sie sind voller Energie und fragen mich Löcher in den Magen. Ich bin so müde, dass ich kaum etwas bemerke. Dennoch denke ich, wie fast jeden Tag: Heute müssen die Dinge einfach besser werden.

Bei der Arbeit werde ich von der Feststellung begrüßt, dass mein Kollege krank ist. Also kämpfe ich allein. Das bedeutet: Blutproben so schnell wie möglich entnehmen, sechs Entlassungsschreiben schreiben, durch die Runden keuchen. Für ein nettes Gespräch mit den Patienten bleibt kaum Zeit: Wenn ich für jeden der verbleibenden 24 Patienten zehn Minuten Zeit hätte, wäre ich für vier Stunden mit der Runde beschäftigt. Mein Chef gibt mir eine Stunde.

Schwester Sigrid entschuldigt sich dafür, dass sie mir nicht helfen konnte. Aber auch die Krankenschwestern sind unterbesetzt, sie muss sechs Personen waschen. Wie nett von ihr, dass sie noch meine Arbeitsbelastung im Hinterkopf hat.

Jemand muss mir helfen können!

Während der Runde bekommt Frau F. plötzlich Brustschmerzen. Ich entnehme Blut und sehe Anzeichen eines akuten Herzinfarkts im EKG. Aber ich bin mir nicht sicher. Ich rufe meinen Oberarzt Dr. S. an. Er steht steril am Operationstisch und kann nicht kommen. Ich suche einen anderen Oberarzt, aber ich kann keinen finden. Jemand muss mir helfen!